Victoria Woodhull

Woodhull-Kurzhaar

Victoria Woodhull war eine US-Amerikanische Feministin und Sozialistin, Vorkämpferin für die sexuelle Freiheit der Frauen, Anhängerin der „Freien Liebe“, außerdem Zeitungsmacherin, die erste weibliche Wall-Street-Brokerin und schließlich die erste Frau, die Präsidentin von Amerika werden wollte – im Jahr 1872.

Victoria Woodhull wurde am 23. September 1838 in Homer/Ohio geboren. Ihre Mutter, Annie Claflin, war Spiritistin, der Vater, Buck, ein etwas dubioser Kleinkrimineller. In ihrer Kindheit tingelte Victoria mit ihren Eltern und sechs Geschwistern durch den Nordosten der USA, Geld verdiente die Familie mit Wahrsagerei, dem Verkauf selbstgebrauter Medizin, angeblichen Wunderheilungen und kleinen Betrügereien.

Im Alter von 15 Jahren flüchtete Victoria in eine frühe Ehe mit dem Arzt Canning Woodhull, der sich jedoch als Alkoholiker und wenig zuverlässiger Ehemann entpuppte. Victoria verdiente den Lebensunterhalt der Familie als Animierdame und zeitweise auch als Prostituierte in San Francisco. Nach acht Jahren und der Geburt zweier Kinder ließ sie sich scheiden und ging mit ihrer jüngeren Schwester Tennessee nach New York.

Dort wendete sich ihr Schicksal: Sie gewann den Eisenbahn-Magnaten und Multimillionär Cornelius Vanderbilt als Kunden für ihre Wahrsagerei. Unter anderem sagte sie ihm die Börsenkurse voraus – und ließ sich am Gewinn beteiligen. Einen großen Coup landete sie beim großen Börsencrash am „schwarzen Freitag“, dem 24. September 1869: Aufgrund ihrer Kontakte zu Mätressen wichtiger Finanzleute gab sie Vanderbilt die richten Tipps zur Spekulation mit den Goldpreisen und verdiente 700.000 Dollar – eine damals astronomische Summe.

Mit dem Geld gründete Woodhull zusammen mit ihrer Schwester die erste weibliche Broker-Firma an der Wallstreet: „Woodhull, Claflin und Co.“. Aber sie hatte auch politische Ambitionen: Sie suchte den Kontakt zu Intellektuellen und Politikern ihrer Zeit und auch zur Frauenbewegung.

Im Frühjahr 1870 gründete sie eine eigene Zeitung, das „Woodhull and Claflin’s Weekly“, in der sie Börsennachrichten, feministische, spiritistische und sozialistische Themen in einer sehr außergewöhnlichen Mischung veröffentlichte.

Im Januar 1871 sprach Victoria Woodhull als erste Frau vor dem Rechtsausschuss des Senats und präsentierte dort das „Woodhull Memorial“ für das Frauenwahlrecht. Damit wurde sie quasi über Nacht zu einer führenden Figur der Frauenbewegung.

Nach der Pariser Kommune im März 1871 schloss sich Woodhull der Ersten Internationale, dem Dachverband der Arbeiterbewegung an. Sie gründete die ersten englischsprachigen Sektionen in Amerika, übersetzte und veröffentlichte Texte von Karl Marx und anderen europäischen Sozialisten.

Im Frühjahr 1872 gründete Woodhull eine eigene Partei, die „Equal Rights Party“ und ließ sich zur Präsidentschaftskandidatin für die Wahlen im November des Jahres nominieren.

Doch bald schon gab es Kontroversen über Woodhulls Vergangenheit und ihre „unrespektable“ Herkunft. Viele der auf ihre Tugendhaftigkeit bedachten, aus dem Mittelstand kommenden Frauenrechtlerinnen wollten nichts mit Woodhull zu tun haben. Die wiederum schürte diese Kritik noch, zum Beispiel mit ihren provokanten Reden über „freie Liebe“, in denen sie das Recht auf Abtreibung, eine Abschaffung der Ehegesetze und ähnlich skandalöse Dinge forderte.

Besonders vehement und teilweise sehr polemisch kritisierten Harriet Beecher Stowe (die bekannte Autorin von „Onkel Tom’s Hütte“) und ihre Schwester Catharine Beecher die Woodhull. Aber Victoria ließ sich nicht unter Druck setzen: Es war damals allgemein bekannt, dass ein Bruder der Beecher-Schwestern, der sehr populäre und geachtete Prediger Henry Ward Beecher, ein außereheliches Verhältnis mit einer Frauenrechtlerin hatte. Aber niemand sprach darüber oder zog Beecher zur Rechenschaft – bis Woodhull die Affäre in ihrer Zeitung öffentlich machte.

Doch Beecher hatte gute Kontakte zur Justiz und ließ Woodhull ins Gefängnis werfen – wo sie auch während der Präsidentschaftswahlen saß. Gegen den mächtigen Beecher-Clan zog sie letzten Endes den Kürzeren.

Als aber 1877 Vanderbilt starb, bot sich ihr erneut eine Chance: Damit sie ihr Insiderwissen über Vanderbilts Vorleben nicht preisgab, bot ihr der Vanderbilt-Erbe (der seinen Anspruch gerichtlich durchsetzen musste und eine Aussage Woodhulls fürchtete) eine fürstliche Summe an.

Mit diesem Geld wanderte Victoria Woodhull nach England aus. Dort heiratete sie später einen reichen Bankier, den sie um viele Jahre überlebte. Ihren Lebensabend verbrachte Victoria Woodhull – sie starb erst 1927 – als wohlhabende Witwe und Wohltäterin in einer kleinen englischen Ortschaft.

Veröffentlicht on Juli 25, 2010 at 1:46 pm  Schreibe einen Kommentar  

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