VictoryAhh! Woodhulls Leben auf der Bühne

Foto: Bettina Frenzel (mit frdl. Genehmigung des Kosmos-Theaters)
Foto: Bettina Frenzel (mit frdl. Genehmigung des Kosmos-Theaters)

Das Kosmostheater in Wien hat das Leben von Victoria Woodhull auf die Bühne gebracht! Premiere war am 23. September 2009.

Nach der Regie von Tanja Witzmann spielen Suse Lichtenberger, Sissi Noé und Valentin Schreyer nicht nur Woodhulls Leben nach, sondern begegben sich „in den Raum einer Biographie, der als Reibungsfläche unserer eigenen Positionen dient, beleuchten die „Ismen“ vergangener Zeiten durch die Gegenwartslupe“, wie es in der Theatervorschau heißt: Gemeinsam mit den SchauspielerInnen wird mittels Improvisationen und unter Verwendung von historischem und aktuellem Textmaterial eine Collage entwickelt. Sie folgen Victoria auf die Straße, vors Parlament und fallen in Börsen-Trance, zündeln mit Falschgeld am Rande des Heldinnenvulkans, werden verfolgt von ihrer Familienband, die den Takt schlägt und laut schreit: VictoryAhh! Hollywoodesk wandert das Stück durch musikalisch theatrale Videolandschaften staunend über die Utopien der Vergangenheit am Weg in die Zukunft – und dabei immer in Versuchung die lineare Zeitachse außer Gefecht zu setzen, die uns in die gegenwärtige große Krise schleudert.

„We want Independence. And I mean Revolution!“ Victoria Woodhull (1838–1927)

„Future Presidentness“ lässt sich Victoria Woodhull 1872 auf ihre Autogrammkarten drucken und macht sich somit fünfzig Jahre vor dem Frauenwahlrecht zur amerikanischen Präsidentschaftskandidatin. „Das Eigentliche ist nicht die Frage, ob Frauen per Gesetz das Wahlrecht zusteht oder nicht, sondern dass die Frauen dieses Recht jetzt ausüben wollen.“ Victoria Woodhull, 1870 Sie verkörperte die anarchische Variante des „American Dream“ – von der Hellseherin zur Wallstreetbrokerin, vom siebten Kind einer Ganovenfamilie zur Präsidentschafts-kandidatin. Als Free Loverin, Spiritistin und Zeitungsmacherin wurde sie aus der amerikanischen Frauenbewegung und von Marx aus der Internationalen katapultiert. Sie erhob den Skandal zur politischen Strategie.

Doch wer war Victoria Woodhull? In den USA wird eine Verfilmung ihres Lebens vorbereitet, in Europa ist sie weitgehend unbekannt. Sie hat dem Eisenbahn-Magnaten und Multimillionär Cornelius Vanderbilt mit Hilfe ihrer Geister (oder waren es doch weltliche Freundinnen?) die Börsenkurse vorhergesagt, und sich am Gewinn prozentuell beteiligen lassen. Gemeinsam mit ihrer Schwester Tennesse gründete sie die erste weibliche Broker-Firma an der Wallstreet, obwohl Frauen das Spekulieren an der Börse untersagt war. Aus den politischen und sozialen Traumata ihrer Zeit (Sezessionskrieg, Sklaverei, Frauendiskriminierung) entstand ihr Drang sich zu engagieren. Im Frühjahr 1872 gründete Woodhull eine eigene Partei, die „Equal Rights Party“, und ließ sich zur Präsidentschaftskandidatin für die Wahlen im November des Jahres nominieren. Ihre Forderungen waren enorm progressiv: Abschaffung der Todesstrafe, öffentliche Erziehung der Kinder, Errichtung eines internationalen Gerichtshofes, Wahlrecht für Frauen und AfroamerikanerInnen etc. Mit ihrer Wochenzeitung „Woodhull and Claflin’s Weekly“ griff sie Henry W. Beecher, den einflussreichsten Prediger der USA an, um ihn für ihre „Freie Liebe“-Kampagne zu gewinnen, da er diese durch seine außerehelichen Affären doch schon längst praktizierte. 1900 übersiedelte sie nach England. Noch im hohen Alter lernte sie Autofahren und gründete einen Damen-Automobil-Club. Für den ersten Atlantiküberflug setzte sie eine Prämie aus – und starb erst nachdem Charles Lindbergh dies geschafft hatte.

Kein weiblicher "Messias" in Sicht

Mit „Messias-Faktor“ hat der Spiegel den gegenwärtigen Höhenflug Barack Obamas und die drohende Niederlage von Hillary Clinton im Rennen um die demokratische Präsident/inn/en-Kandidatur treffend umschrieben. Jedenfalls können wir daraus einiges über die symbolische Politik der Frauen lernen. Die hat nämlich unter anderem mit dem Problem zu tun, dass es eine weibliche Form von „Messias“ nciht gibt:
http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-2-105.htm

Paul Verhoeven will Woodhulls Leben weiterhin verfilmen

Regisseur Paul Verhoeven (Basic Instinct) will weiterhin das Leben von Victoria Woodhull verfilmen! In einem Interview mit der Süddeutschen sagt er: „Ich habe das in den USA versucht mit einem Projekt, an dem ich parallel zu „Black Book“ arbeitete, einem Film über Victoria Woodhull, die in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in New York lebte. Sie war Prostituierte, dann Feministin – und Präsidentschaftskandidatin. Zudem war sie in den größten Sexskandal jener Zeit verwickelt. Die Einzige, die daran Interesse hatte, war Nicole Kidman. Ich werde dieses Projekt weiterverfolgen, auch wenn die Bush-Administration die USA noch puritanischer gemacht hat . . . Vielleicht muss ich auf einen neuen Präsidenten warten, um den Film machen zu können.“ – Na, der nächste Präsident (oder die nächste Präsidentin) kommt ja nun bald. Drücken wir dem Projekt die Daumen…
Zum Artikel: http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/372/113259/3/

PS: Am Montag, 4. Februar, war in der Süddeutschen Zeitung ein großer Artikel über Victoria Woodhull. Leider steht er nicht im Netz, aber vielleicht könnt Ihr ihn ja doch besorgen…

Sex Wars – der neue Roman von Marge Piercy

Marge Piercy hat in ihrem neuen Roman „Sex Wars“ (leider bisher nur auf Englisch) das Leben der Victoria Woodhull fulminant erzählt und verwoben mit der Geschichte der amerikanischen Frauenbewegung (und ihrer Protagonistin Elizabeth Cady-Stanton), dem fanatischen Anti-Sex-Warrior Anthony Comstock und einer (fiktiven) jüdischen Einwanderin, die sich tapfer durch das New York des 19. Jahrhundert schlägt. Ein echter Lesetipp!