„Victoria Woodhull, der größte Humbug Amerika’s“

In der aktuellen Ausgabe von „Die Krake“, einem von den Polytanten herausgegebenen „Käseblatt“ (Selbstbezeichnung), gibt es eine wunderbare Zusammenfassung des Lebens von Victoria Woodhull, die ich allen empfehle, denen ein ganzes Buch darüber zu dick zum Lesen ist.

In diesem Zusammenhang hat die Redaktion auch einen Artikel aus der Allgemeinen Illustrirten Zeitung, Land und Meer (Nr. 44, 1872) ausgegraben, der nicht nur zum Lachen ist, sondern auch sehr aufschlussreich. Denn er führt das Ausmaß vor Augen, in dem Frauen (und explizit auch andere „Andere“) früher für inkompatibel mit den demokratischen politischen Institutionen der weißen Männer gehalten wurden. Er zeigt auch, dass dieser Ausschluss der „Anderen“ nicht einfach ein kleiner, nebensächlicher Geburtsfehler des demokratischen Parlamentarismus war (der durch einen Akt großzügig gewährter „Gleichstellung“ mal eben behoben werden könnte), sondern dass diese Abgrenzung und dieser Ausschluss wesentlich für die Konstitution von weißer Männlichkeit gewesen ist. Hier ist der Artikel:

Um den dießmaligen Wahlkrieg besonders romantisch zu gestalten, wird auch das ewig Weibliche seinen Antheil daran haben. Zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten und der Welt wird nämlich die „große“ Partei der politischen Frauenemanzipation mit fliegenden Fahnen in der Arena des Wettbewerbs um die Besetzung des höchsten aller öffentlichen Aemter erscheinen. Auch „unsere lieben Frauen“ von dem neuen Evangelium der politischen Wiedergeburt dieses Landes durch Zulassung des schönen Geschlechts zum Stimmkasten haben unter Assistenz einer Anzahl männlicher Geschlechtsgenossinnen ihre Präsidentschafts- und Vizepräsidentschaftskandidaten aufgestellt. Das Meeting in der new-yorker Apollohalle (Steinway hatte seinen berühmten Konzertsaal den Amazonen verweigert), in der dieß vor Kurzem geschah, war vielleicht das Heiterste und Originellste, was selbst hier zu Lande in dem Paradies des freien Versammlungswesens noch je geboten worden. Nachdem ein junges, sehr zierliches Mädchen eine Eröffnungshymne gesungen und die durch Entschiedenheit im Auftreten ungleich mehr als durch Anmuth und Jugend imponirenden Hauptheldinnen des Tages, durchgehend mit kurzgeschorenen Haaren, nebst verschiedenen, das Haar meistens in langer Wellenfülle à la Liszt tragenden männlichen Bekennern ihrer Doktrin, die Estrade gefüllt, hielt ein Richter Carter von Ohio eine Rede, welche von „Humanität“, „gleichen Rechten“, „schwesterlicher Neigung“ und „brüderlicher Liebe“ förmlich überströmte. Nach ihm trat Frau Spears von Boston auf und kündigte unter ungeheurem Jubel der Anwesenden an, dass die Hauptsache die sei, ein Präsidentschafts-Ticket (Kandidatenliste) aufzustellen, und dass sie ein solches in Petto habe. Es solle den Namen „Frauen-, Neger- und Arbeiter-Ticket“ führen und die Namen Victoria Woodhull, einst Wunderdoktorin und Abenteurerin in westlichen Städten, jetzt nebst ihrer Schwester Tennessee Claflin Inhaberin eines new-yorker Wechselkomptoirs und Verfechterin der freien Liebe par excellence, dabei Spiritualistin und zugleich „Humbugerin“ vom reinsten Wasser – Victoria Woodhull der erste weibliche Präsident der Vereinigten Staaten! Neben ihr als zweiter Würdenträger der talentvolle, farbige Fred Douglas, seit Jahren das Paradepferd Aller, welche die geistige Überlegenheit der kaukasischen Rasse über die äthiopische für eine (nur) von schändlicher Selbstsucht diktierte Erfindung der Weißen erklären…“

Published in: on Juni 2, 2011 at 12:17 pm  Schreibe einen Kommentar  

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