Victoria, wieder mal ganz unkommunistisch

Heute sah ich diesen Dokumentarfilm über Victora Woodhull, der 1995 im US-amerikanischen Fernsehen lief und 2007 als DVD herauskam. Und wieder (wie auch schon bei den meisten amerikanischen Biografien über sie) wundere und ärgere ich mich darüber, dass ihre politische Agenda ganz auf Frauenwahlrecht und freie Liebe reduziert wird.  Gloria Steinem – die unter anderem zu Woodhull interviewt wird – erwähnt nur einmal in einem Nebensatz, dass sie die erste war, die das Kommunistische Manifest in den USA publiziert hat, aber das war’s auch schon.

Kein Wort von ihrem Engagement in der Ersten Internationale  (Woodhull war die Gründerin der ersten US-amerikanischen Sektion, vorher hatte es nur europäische “Einwanderersektionen” gegeben), kein Wort über die Kontroverse zwischen ihr und den deutschen Marxisten (auf deren Betreiben sie und ihre Sektion 1972 beim Haager Kongress aus der Internationale ausgeschlossen wurde). Kein Wort über die große Demonstration von über zehntausend Menschen, die sie zum Gedenken an die Opfer der Zerschlagung der Pariser Kommune mitorganisiert hat. Kein Wort über ihre wirtschaftspolitischen Texte, zum Beispiel die Reihe “Papers on Labor and Capital”.

Das ist schade, weil dieser Aspekt für Woodhulls politisches Denken zentral ist. Und meiner Ansicht auch ein wichtiger Grund dafür, dass sich zahlreiche Frauenrechtlerinnen oder andere amerikanische Reformer von ihr distanziert haben. Vielleicht ist die “kommunistische Victoria” auch deshalb in Amerika bis heute nicht im Blick, weil kommunistische Ansichten dort auch heute noch skandalös sind, währen ihr Eintreten für Frauenwahlrecht und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen inzwischen Mainstream geworden sind?

Nicht einverstanden war ich auch mit Gloria Steinems ständiger Betonung auf Woodhulls “Mut”. Ich denke, das ist eine bürgerliche Sichtweise. Für eine nach bürgerlichen Geschlechternormen erzogene Frau wäre es sicherlich außerordentlich “mutig” gewesen, auf großer öffentlicher Bühne unbeliebte Ansichten zu vertreten. Aber Victoria Woodhull kam aus der Unterschicht, sie war es von klein auf nicht nur gewohnt, sich öffentlich zu streiten, sondern war auch schon als Kind von ihren Eltern als “Wunderpredigerin” vermarktet worden, das heißt, sie verdiente schon als Kind Geld damit, öffentliche Reden zu halten.

Die beiden Punkte gehören natürlich zusammen. Das Besondere an Victoria Woodhull war nicht, dass sie für das Frauenwahlrecht und für freie Liebe war, das waren viele andere auch. Das Besondere an ihr war, dass sie ganz direkt aus dem “Lumpenproletariat” kam und sich bemüht hat, ihre Unterschichtserfahrungen in einen bürgerlichen politischen Reformdiskurs einzubringen. “Freie Liebe”, “Wahlrecht” und “Kapitalismusanalyse”, wenn man so will, gehören bei ihr untrennbar zusammen.

Schade, dass das in den USA immer noch nicht gesehen wird.

Published in: on Januar 22, 2012 at 9:13 nachmittags  Kommentare (4)  

Schlampen in der Politik!

Derzeit wird ja – morgen ist Slutwalk – heftig über den Begriff der „Schlampe“ diskutiert, und die verschiedenen Wortbedeutungen sind aufschlussreich. Ich habe meinen Kommentar zu den Slutwalks schon hier veröffentlicht, außerdem empfehle ich zur Lektüre die Glosse von Luise Pusch dazu. 

An dieser Stelle möchte ich noch darauf hinweisen, dass neben den Bedeutungen „sexuell aufreizend“ und „unordentlich, ungepflegt“ auch noch die Bedeutung von „eine Frau, die beansprucht, in die Politik zu gehen“ eine Rolle spielt.

Ein besonders schönes Beispiel ist dieses Zitat, das von Harriet Beecher-Stowe, der Autorin von „Onkel Toms Hütte“, gegen das Vorhaben von Victoria Woodhull vorgebracht wurde, die im Jahr 1872 mit einer Aufsehen erregenden Kampagne ihre Kandidatur für die Präsidentschaft der USA angekündigt hat. Beecher-Stowe kritisierte Woodhulls Initiative mit den Worten:

Wer immer auch Präsident der Vereinigten Staaten werden will, muss sich darauf einstellen, dass sein Charakter in Stücke gerissen wird, dass er verletzt, geschlagen und mit Schmutz überzogen wird von jedem unflätigen Blättchen im ganzen Land. Keine Frau, die nicht wie ein alter Putzlumpen durch jede Gosse und jedes dreckige Wasserloch gezogen werden will, würde jemals einer Kandidatur zustimmen. Es ist eine Qual, die einen Mann umbringen kann. Was für ein unverschämtes Luder von einer Frau muss das sein, die so etwas aushält, ohne dass es sie umbringt?

Ich weiß leider gerade nicht, wie das Wort im englischen Original heißt, aber ich denke „Schlampe“ und „Luder“ ist hier relativ wesensverwandt.

Das Hauptproblem, das die bürgerliche Frauenbewegung mit Victoria Woodhull hatte: Sie war nicht „respektabel“ – was sozusagen das Gegenteil von „schlampig“ ist. Sie kam aus der Unterschicht, sie war nicht „ehrbar“, sie trat ein für freie Liebe und sexuelle Selbstbestimmung. Und sie schrieb ihre Briefe nicht auf Briefpapier, sondern auf ihrendwelche Zettel. Insofern schließt sich hier der Kreis zwischen den verschiedenen Bedeutungen von „Schlampe“.

Denn so unterschiedlich, wie die verschiedenen Konnotationen des Wortes auch sein mögen, so haben sie doch eines gemeinsam: Sie bezeichnen „unordentliche“ Frauen, also solche, die sich der althergebrachten Ordnung dessen, was weiblich sei, widersetzen. Schlampen beziehen Freiheit auch auf ihre Sexualität, sie sind „unordentlich“ in dem Sinne, dass sie überlieferte Rollenvorgaben verweigern, und – und das ist der Punkt – sie beanspruchen, trotzdem Politik zu machen!

Published in: on August 12, 2011 at 12:54 nachmittags  Hinterlasse einen Kommentar  

Die Arianna Huffington der 1870s…

In einem neuen Buch scheint es weiteres Quellenmaterial aus Victoria Woodhulls Zeitung, dem “Woodhull and Claflin’s Weekly” zu geben: Robin Blackburn: An Unfinished Revolution. Karl Marx and Abraham Lincoln (Verso 2011). In seiner Besprechung schreibt Michael Patrick Brady:

Blackburn’s writing is taut, intelligent, and compelling. He packs an astonishing amount of information into a scant hundred pages, providing a fresh and powerful look at Civil War politics and social issues. An Unfinished Revolution is also valuable for its large appendix of primary sources, which includes not only relevant writings and lectures by Lincoln and Marx, but also scene-setting excerpts from Thomas Fortune’s classic Black and White and articles from the Woodhull & Claflin Weekly. Blackburn provides an amusing characterization of the latter publication’s editor, Victoria Woodhull, a free-loving, controversial progressive activist who the author calls “the Arianna Huffington of the 1870s.”

Bleibt nur die Frage: Wer ist Arianna Huffington?

(Nur, damit es keine Missverständnisse gibt, ich weiß natürlich, wer Arianna Huffington ist. Ein schmeichelhafter Vergleich jedenfalls – für beide Seiten!)

Published in: on Juni 18, 2011 at 3:17 nachmittags  Hinterlasse einen Kommentar  

“Victoria Woodhull, der größte Humbug Amerika’s”

In der aktuellen Ausgabe von „Die Krake“, einem von den Polytanten herausgegebenen “Käseblatt” (Selbstbezeichnung), gibt es eine wunderbare Zusammenfassung des Lebens von Victoria Woodhull, die ich allen empfehle, denen ein ganzes Buch darüber zu dick zum Lesen ist.

In diesem Zusammenhang hat die Redaktion auch einen Artikel aus der Allgemeinen Illustrirten Zeitung, Land und Meer (Nr. 44, 1872) ausgegraben, der nicht nur zum Lachen ist, sondern auch sehr aufschlussreich. Denn er führt das Ausmaß vor Augen, in dem Frauen (und explizit auch andere „Andere“) früher für inkompatibel mit den demokratischen politischen Institutionen der weißen Männer gehalten wurden. Er zeigt auch, dass dieser Ausschluss der „Anderen“ nicht einfach ein kleiner, nebensächlicher Geburtsfehler des demokratischen Parlamentarismus war (der durch einen Akt großzügig gewährter „Gleichstellung“ mal eben behoben werden könnte), sondern dass diese Abgrenzung und dieser Ausschluss wesentlich für die Konstitution von weißer Männlichkeit gewesen ist. Hier ist der Artikel:

Um den dießmaligen Wahlkrieg besonders romantisch zu gestalten, wird auch das ewig Weibliche seinen Antheil daran haben. Zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten und der Welt wird nämlich die „große“ Partei der politischen Frauenemanzipation mit fliegenden Fahnen in der Arena des Wettbewerbs um die Besetzung des höchsten aller öffentlichen Aemter erscheinen. Auch „unsere lieben Frauen“ von dem neuen Evangelium der politischen Wiedergeburt dieses Landes durch Zulassung des schönen Geschlechts zum Stimmkasten haben unter Assistenz einer Anzahl männlicher Geschlechtsgenossinnen ihre Präsidentschafts- und Vizepräsidentschaftskandidaten aufgestellt. Das Meeting in der new-yorker Apollohalle (Steinway hatte seinen berühmten Konzertsaal den Amazonen verweigert), in der dieß vor Kurzem geschah, war vielleicht das Heiterste und Originellste, was selbst hier zu Lande in dem Paradies des freien Versammlungswesens noch je geboten worden. Nachdem ein junges, sehr zierliches Mädchen eine Eröffnungshymne gesungen und die durch Entschiedenheit im Auftreten ungleich mehr als durch Anmuth und Jugend imponirenden Hauptheldinnen des Tages, durchgehend mit kurzgeschorenen Haaren, nebst verschiedenen, das Haar meistens in langer Wellenfülle à la Liszt tragenden männlichen Bekennern ihrer Doktrin, die Estrade gefüllt, hielt ein Richter Carter von Ohio eine Rede, welche von „Humanität“, „gleichen Rechten“, „schwesterlicher Neigung“ und „brüderlicher Liebe“ förmlich überströmte. Nach ihm trat Frau Spears von Boston auf und kündigte unter ungeheurem Jubel der Anwesenden an, dass die Hauptsache die sei, ein Präsidentschafts-Ticket (Kandidatenliste) aufzustellen, und dass sie ein solches in Petto habe. Es solle den Namen „Frauen-, Neger- und Arbeiter-Ticket“ führen und die Namen Victoria Woodhull, einst Wunderdoktorin und Abenteurerin in westlichen Städten, jetzt nebst ihrer Schwester Tennessee Claflin Inhaberin eines new-yorker Wechselkomptoirs und Verfechterin der freien Liebe par excellence, dabei Spiritualistin und zugleich „Humbugerin“ vom reinsten Wasser – Victoria Woodhull der erste weibliche Präsident der Vereinigten Staaten! Neben ihr als zweiter Würdenträger der talentvolle, farbige Fred Douglas, seit Jahren das Paradepferd Aller, welche die geistige Überlegenheit der kaukasischen Rasse über die äthiopische für eine (nur) von schändlicher Selbstsucht diktierte Erfindung der Weißen erklären…“

Published in: on Juni 2, 2011 at 12:17 nachmittags  Hinterlasse einen Kommentar  

Warhol meets Woodhull

Meik Krick, ein befreundeter Künstler der vor allem mit Pop Art Remix arbeitet, hat gerade diese schöne Begegnung zwischen Victoria Woodhull und Andy Warhol inszeniert. Ich bin natürlich entzückt :)

Published in: on Juli 25, 2010 at 1:38 nachmittags  Hinterlasse einen Kommentar  
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Freie Liebe oder die Freiheit zum Business?

Gerade fand ich dieses Werbevideo des US-amerikanischen Woodhull-Instituts – offenbar eine Art Karriereförderprogramm für Frauen, das sich auf Victoria Woodhull beruft.

Das Filmchen ist ganz nett, weil man in knapp drei Minuten schon etwas über das Leben von Victoria Woodhull erfährt. Allerdings war ich doch etwas irritiert über die Art und Weise, wie sie hier zu einem Role Model für Businessfrauen gemacht wird – und das auch noch mit einem kleinen antifeministischen Seitenhieb verbunden.

Der Plot des Videos läuft darauf hinaus, dass Victoria Woodhull nicht einfach nur eine normale Frauenrechtlerin war wie Susan B. Anthony und Elizabeth Cady Stanton, sondern darüber hinaus noch weitere radikalere Freiheitsforderungen stellte.

So weit, so richtig. Doch das Verhältnis von Woodhull zu den anderen – etablierteren – Frauenrechtlerinnen war nicht nur, dass sie diffus “radikaler” war, sondern dass sie aus einer ganz anderen Perspektive heraus Politik machte, und zwar aus einer anti-bürgerlichen. Sie verleugnete nicht ihre Herkunft aus der Unterschicht, sie passte ihre Meinung nicht dem bürgerlichen Mainstream an (ihre Schwester Tennessee Claflin übrigens noch weniger), und sie machte keine Kompromisse.

Sie trat ein für eine umfassende Freiheit, und damit meinte sie nicht nur die politische Freiheit der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen (Wahlrecht und gleiche Rechte überhaupt), sondern vor allem soziale Freiheit, die für Woodhull vor allem sexuelle Freiheit war (Abschaffung der Ehe, Abtreibungsfreiheit, keine strafrechtliche Verfolgung von Prostituierten, freier Zugang zu Verhütungsmittel und so weiter).

Von all dem ist in dem Video nichts zu sehen, hingegen wird Woodhull parallelisiert mit jungen Frauen in Business-Kostümen. Die Freiheit zur Wirtschaftskarriere? Richtig, die hat Woodhull sich auch genommen. Sie war als Wahrsagerin und spirituelle Heilerin eine erfolgreiche Geschäftsfrau,  sie gründete die erste weibliche Brokerfirma an der Wallstreet und gab eine eigene radikalfeministische Zeitung heraus.

Allerdings gelang ihr dieser Erfolg gerade nicht, indem sie sich anpasste. In den Businessblazer hätte sie sich niemals geszwängt. Im Gegenteil: Sie war jederzeit bereit, ihre “Karriere” (wenn man so will) auf’s Spiel zu setzen, wenn ihr das notwendig erschien.

Okay, auch Victoria trug Männerkleidung. Allerdings war das damals noch eine  Provokation.

So ändern sich die Zeiten.

Published in: on Juli 6, 2010 at 1:26 nachmittags  Kommentare (1)  

The Spirit to run the White House

Advocating the memory of Victoria Woodhull on a Spessart trail...

Published in: on Mai 24, 2010 at 10:27 vormittags  Hinterlasse einen Kommentar  

1874: Die Debatten um das Frauenwahlrecht in Ypsilanti, Michigan

In einem interessanten Artikel für den Ann Arbor Chronicle gibt Laura Bien einen schönen Einblick in die Art und Weise, wie zu Zeiten von Victoria Woodhull die Debatten um das Frauenwahlrecht geführt wurden – auf kommunalpolitischer Ebene, und zwar in einem kleinen Ort namens Ypsilanti (sic! :)) in der Nähe von Detroit.

1874 (also zwei Jahre nach Woodhulls symbolträchtiger Präsidentschaftskandidatur) wurde in Michigan darüber abgestimmt, ob das Wort “männlich” aus dem Wahlgesetz gestrichen werden sollte – womit die Frauen hätten wählen gehen können. Genau das war der Vorschlag gewesen, den Victoria Woodhull in ihrer Rede 1871 vor dem Rechtsausschuss von Senat und Kongress gemacht hatte. Damit hatte sie eine neue Strategie in der Frauenrechtsbewegung initiiert. Bis dahin hatten die Frauenrechtlerinnen immer ein weiteres “Amendment” gefordert, das den Frauen das Wahlrecht zugestehen sollte. Woodhull argumentierte hingegen, dass die Frauen das Wahlrecht schon immer gehabt hätten – und zwar mit einem gewissen Recht. Denn bis zum 14. Amendment, das 1869 den schwarzen Männern das Wahlrecht gab, war der wahlberechtigte “citizen” im Gesetzestext nicht näher bestimmt. Erst nun wurde aus diesem unbestimmten und geschlechtslosen “citizen” (unter dem sich aber natürlich alle Welt einen weißen Mann vorstellte), ein präzise definierter “männlicher Bürger unabhängig von der Hautfarbe”. Woodhull reichte eine Petition ein, in der sie forderte, dass dieser Zusatz “männlich” wieder gestrichen würde, weil er verfassungswidrig sei. Ein eigenes Amendment für die Einführung des Frauenwahlrechtes wäre dann nicht mehr notwendig gewesen.

Der Rechtsausschuss hat die Petition zwar abgelehnt, aber in Michigan wurde der Vorschlag jedoch zur Abstimmung gestellt. 135,957 votierten dagegen, 40,077 dafür – abgelehnt also. In den Debatten, die im Vorfeld geführt wurden, brachten die Gegner des Frauenwahlrechtes ihre Ablehnung auch dezidiert mit den Forderungen Woodhulls nach “freier Liebe” in Verbindung, mit denen sie für so manchen Skandal gesorgt hatte.

Hier der Link zum Artikel

Published in: on Mai 18, 2010 at 9:56 nachmittags  Kommentare (1)  

Victoria Woodhulls Leben zum Hören!

Kürzlich habe ich Victoria Woodhull bei einer Veranstaltung in Nürnberg vorgestellt und dabei mitgeschnitten. Für alle, die das anhören wollen, steht das jetzt als mp3 zum Downloaden im Internet, und zwar hier – viel Spaß!

Published in: on Mai 18, 2010 at 9:28 nachmittags  Hinterlasse einen Kommentar  

VictoryAhh! Woodhulls Leben auf der Bühne

Foto: Bettina Frenzel (mit frdl. Genehmigung des Kosmos-Theaters)

Foto: Bettina Frenzel (mit frdl. Genehmigung des Kosmos-Theaters)

Das Kosmostheater in Wien hat das Leben von Victoria Woodhull auf die Bühne gebracht! Premiere war am 23. September 2009.

Nach der Regie von Tanja Witzmann spielen Suse Lichtenberger, Sissi Noé und Valentin Schreyer nicht nur Woodhulls Leben nach, sondern begegben sich “in den Raum einer Biographie, der als Reibungsfläche unserer eigenen Positionen dient, beleuchten die “Ismen“ vergangener Zeiten durch die Gegenwartslupe”, wie es in der Theatervorschau heißt: Gemeinsam mit den SchauspielerInnen wird mittels Improvisationen und unter Verwendung von historischem und aktuellem Textmaterial eine Collage entwickelt. Sie folgen Victoria auf die Straße, vors Parlament und fallen in Börsen-Trance, zündeln mit Falschgeld am Rande des Heldinnenvulkans, werden verfolgt von ihrer Familienband, die den Takt schlägt und laut schreit: VictoryAhh! Hollywoodesk wandert das Stück durch musikalisch theatrale Videolandschaften staunend über die Utopien der Vergangenheit am Weg in die Zukunft – und dabei immer in Versuchung die lineare Zeitachse außer Gefecht zu setzen, die uns in die gegenwärtige große Krise schleudert.

“We want Independence. And I mean Revolution!“ Victoria Woodhull (1838–1927)

“Future Presidentness“ lässt sich Victoria Woodhull 1872 auf ihre Autogrammkarten drucken und macht sich somit fünfzig Jahre vor dem Frauenwahlrecht zur amerikanischen Präsidentschaftskandidatin. “Das Eigentliche ist nicht die Frage, ob Frauen per Gesetz das Wahlrecht zusteht oder nicht, sondern dass die Frauen dieses Recht jetzt ausüben wollen.“ Victoria Woodhull, 1870 Sie verkörperte die anarchische Variante des “American Dream“ – von der Hellseherin zur Wallstreetbrokerin, vom siebten Kind einer Ganovenfamilie zur Präsidentschafts-kandidatin. Als Free Loverin, Spiritistin und Zeitungsmacherin wurde sie aus der amerikanischen Frauenbewegung und von Marx aus der Internationalen katapultiert. Sie erhob den Skandal zur politischen Strategie.

Doch wer war Victoria Woodhull? In den USA wird eine Verfilmung ihres Lebens vorbereitet, in Europa ist sie weitgehend unbekannt. Sie hat dem Eisenbahn-Magnaten und Multimillionär Cornelius Vanderbilt mit Hilfe ihrer Geister (oder waren es doch weltliche Freundinnen?) die Börsenkurse vorhergesagt, und sich am Gewinn prozentuell beteiligen lassen. Gemeinsam mit ihrer Schwester Tennesse gründete sie die erste weibliche Broker-Firma an der Wallstreet, obwohl Frauen das Spekulieren an der Börse untersagt war. Aus den politischen und sozialen Traumata ihrer Zeit (Sezessionskrieg, Sklaverei, Frauendiskriminierung) entstand ihr Drang sich zu engagieren. Im Frühjahr 1872 gründete Woodhull eine eigene Partei, die “Equal Rights Party“, und ließ sich zur Präsidentschaftskandidatin für die Wahlen im November des Jahres nominieren. Ihre Forderungen waren enorm progressiv: Abschaffung der Todesstrafe, öffentliche Erziehung der Kinder, Errichtung eines internationalen Gerichtshofes, Wahlrecht für Frauen und AfroamerikanerInnen etc. Mit ihrer Wochenzeitung “Woodhull and Claflin’s Weekly“ griff sie Henry W. Beecher, den einflussreichsten Prediger der USA an, um ihn für ihre “Freie Liebe“-Kampagne zu gewinnen, da er diese durch seine außerehelichen Affären doch schon längst praktizierte. 1900 übersiedelte sie nach England. Noch im hohen Alter lernte sie Autofahren und gründete einen Damen-Automobil-Club. Für den ersten Atlantiküberflug setzte sie eine Prämie aus – und starb erst nachdem Charles Lindbergh dies geschafft hatte.

Published in: on Juli 28, 2009 at 9:14 vormittags  Hinterlasse einen Kommentar  
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